Kleine Variationen nach grossen Meistern


ANMERKUNGEN ZU DEN „KLEINEN VARIATIONEN NACH GROSSEN MEISTERN“

1976 begann ich mit der Linoldruck-Serie „Kleine Variatio nen nach großen Meistern“ in der Hoffnung, dass sich einige Freunde und Sammler als Abonnenten für künstlerische Original- Weihnachtsbillets finden würden. Immerhin waren Weib und Kind zu ernähren und der Erlös aus verkauften Werken blieb über lange Zeit hinweg mehr als bescheiden…
Der in Fachkreisen weltweit anerkannte, vor 5 Jahren verstorbene Wiener Erfinder Friedrich Schächter (Space-pen, Kugelschreiber-Prüfmaschine, BIC-Produkte und Produktions-maschinen usw.) war der erste, der für seine Firma Minitek die Tradition jährlich verschickter Festtags- Grüße begründete; andere Freunde folgten und folgen in dankenswerter Weise bis heute seinem Beispiel.
Im Laufe von mehr als 30 Jahren emanzipierten sich diese kleinen Linolschnitte zu einer Reihe von Miniatur-Paraphrasen „von geliebten, nach sehr persönlichen Kriterien ausgewählten Werken“ und führten immer bewusster „zu einer Suche nach einer neuen Klassizität.“ (Heribert Hutter)
Nach intensiven theoretischen Studien kann zumeist das verborgene Zentralmotiv bzw. der kompositorische Knackpunkt eines Werkes gefunden werden; einige Male gelang es mir sogar, bisher von der Kunstwissenschaft unbemerkte Aspekte von Bildern zu entdecken (Vermeer-Research). Dann folgen zahlreiche zeichnerische Studien, das Vorbild wird von der durch Cézanne vorbereiteten und Picasso begründeten Neuen Perspektive ausgehend getestet und nach raumzeitlichen Erkenntnissen, also multiplanen Möglichkeiten der Simultaneität, stilistisch gutrufisiert. Zusätzlich beschert das vorgegebene Hochformat der Serie manchmal die Notwendigkeit einer vollkommenen Umgruppierung der Gewichte. Obwohl es „gerade die Emanzipation von den Vorlagen ist, die diese Ergebnisse so spannend machen“ (Brigitte Borchhardt-Birbaumer): Ziel bleibt immer, dass die Bewunderung für das variierte Kunstwerk sichtbar stärker bleibt als eine nur liebevolle, bisweilen auch ironische Betrachtungsweise.
Schließlich werden Linien und Flächen dem kleinen Format, der herben Schwarz-Weiß-Abstraktion und den daraus resultierenden Notwendigkeiten der Technik entsprechend radikal reduziert, seitenverkehrt auf die Linoleum-Platte übertragen und geschnitten.
Die Produktionsphase beginnt mit der Anfertigung einer Reihe von Zustandsdrucken, bis – durch sukzessives Wegschneiden nicht unbedingt notwendiger Elemente – das endgültige, zum Druck der Auflage bestimmte Stadium erarbeitet ist. Sortieren, Nummerieren und Signieren sind abschließende, langwierige, doch vergleichsweise meditative Tätigkeiten.
Eine besondere Freude ist es, wenn meine bildnerischen Bemühungen geistreich interpretiert oder verbal begleitet werden: „Die puristischen schwarzweißen Arbeiten gehen von Zeichnungen aus, deren Raffinesse alle drucktechnischen Realisierungsmöglichkeiten ausreizen, sie zielen“ (Philipp Maurer) „auf das von strenger Linienführung hervorgebrachte Essentielle“ (Julian Schutting).
Neben den schwarz-weißen Druckgrafiken male ich seit einigen Jahren auch Ölbild-Fassungen der „Kleinen Variationen nach großen Meistern“ im gleichen Format auf stark strukturiertem Büttenpapier, die charakteristische Farbakkorde der paraphrasierten Meisterwerke aufgreifen und neue Dimensionen sinnlichen Erlebens erschließen sollen Gerhard Gutruf, Dezember 2007






In 1976 I began the series of lino-cuts known as "Small Variations after the Great Masters" in the hope that various friends and collectors might subscribe to them as original Christmas cards. After all, I had a wife and child to feed, and the proceeds from sales of my works were still modest.
Friedrich Schaechter, the Viennese inventor who had become well known for the space pen, BIC products and various developments in precision engineering and who died in 2002, was, through his firm Minitek, the first to found a tradition of sending these cards as annual festive greetings. Other friends, thankfully, followed and today continue to follow his example.
In the course of more than 30 years, these little lino-cuts have culminated in an array of miniature paraphrases "of favourite works which have been selected according to very personal criteria," and have led ever more consciously, "to a search for a new classicism." (Heribert Hutter)
After intensive theoretical study, the central motive of a work, alternatively its fundamental compositional point, can be found. I have at times succeeded in discovering aspects of works (Vermeer research being an example) which up until then, had been unobserved by scholars. There then follow numerous sketched studies. The prototype then gets tested through new perspectives, which Cezanne prepared, and which Picasso founded, until through multiplaned possibilities of simultaneity it becomes stylistically "Gutrufised". In addition, it sometimes happens that the prescribed format must undergo a complete rearrangement of its compositional weights. Although "it is the emancipation from the original design which makes the results so exciting" (Brigitte Borchhardt-Birbaumer), the goal always remains the same, which is to increase ones love and appreciation of the subject work albeit through an occasionally ironical approach to it.
Eventually lines and surfaces of the small format of dry black and white abstraction and the changes necessitated by the techniques of radical reduction are transferred to the mirrored and cut linoleum plate. The production phase begins with the making of a series of trial prints until, through successive cutting away of inessential elements, the final printing stage is arrived at. Numbering and signing are the concluding, and comparatively meditative, activities.
It is a special joy, when my pictorial efforts are ingeniously interpreted or verbally accompanied. "The purist black white works derive from drawings whose refinement exhausts all of the possibilities of realisation which print technique possesses." (Philipp Maurer) "the attention to strict lineation brings forth the essential" (Julian Schutting).
In addition to the black-white prints, I have for some years painted versions of the "Small Variations after the Great Masters" in oil on toughened hand-made paper which take up the characteristic colour chord of the paraphrased masterpiece and open up new dimensions of sensual experience.
Gerhard Gutruf, December 2007

Tamayo-Variationen


Mädchen bei der Toilette: Hommage à Tamayo - Vernis mou, Aquatinta, Linoldruck, 32x49 cm, 1992

Interieur mit Tisch und Tamayos Wassermotoren: Hommage à Tamayo -
Vernis mou, Aquatinta, Linoldruck, 32x49 cm, 1992